CANTABONN wurde 2002 von sechs Bonner Musikern ins Leben gerufen, die mit ihren Ensembles die Stadt Bonn, die hiesige evangelische und katholische Kirche sowie den Bereich Schule und Universität vertraten.
Prolog
Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-47)
Richte mich, Gott op. 78,2 (1843/44)
Und es ward Licht
Aaron Copland (1900-1990)
In the beginning
David Lang (1957)
Evening morning day (2007) - nach Genesis, Kapitel 1
Gustav Mahler (1860-1911) / Clytus Gottwald (1925)
Urlicht (2009)
PAUSE
Lux aeterna luceat eis
Edward Elgar (1857-1934), Arr.: John Cameron (1944)
Lux Aeterna (arr. 1996)
Jaakko Mäntyjärvi (1963)
Canticum Calamitatis Maritimae (1997)
Johannes Brahms (1833-1897)
Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen op.74, 1
Die Programmauswahl ist darauf angelegt, Interpretationen von Genesis und Ewigem Licht neben große Chorwerke zu stellen, die unter dem Eindruck existentieller Erfahrungen von Tod und Neuanfang entstanden sind. Als übergreifendes Thema unseres Programms haben wir dazu die musikalische Darstellung des Lichts als Anfang und Quelle des Aufbruchs und gleichermaßen als ewiges Ziel gewählt. Wir werden uns dazu in zwei Blöcken auf jeweils drei außergewöhnliche Werke konzentrieren.
Den Auftakt des Konzerts bildet die Motette „Richte mich Gott“, der zweiten aus den drei Psalmenmotetten, die das Opus 78 von Felix Mendelssohn-Bartholdy ausmachen. Diese Vertonung des Psalms 43 verleiht der drängenden Sehnsucht des Betenden Ausdruck, Gottes Angesicht zu schauen in einem Moment, in dem das Gefühl des Verlassenseins übermächtig zu werden scheint. Mit den selbstverständlich strömenden Psalmworten "Sende dein Licht und deine Wahrheit" leitet diese Musik auf den ersten Block des Programms hin, der mit „und es ward Licht“ überschrieben ist und aus drei Werke zur Schöpfung gebildet wird.
Die Komposition „In the beginning“ von Aaron Copland entstand 1947 unter dem Eindruck des Endes der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten als Auftragskomposition. Sie sollte ursprünglich auf einen hebräischen Text komponiert werden. Da Copland zu diesem Zeitpunkt weder mit dem Hebräischen noch mit der Komposition von Chormusik besonders gut vertraut war, wählte er stattdessen die Eröffnungsverse der Genesis. Das Ergebnis war eines der längsten zusammenhängenden a capella Stücke für Chor, das jemals geschrieben wurde. Der überwiegende Teil wird durch Mezzo-Sopran und Chor in alternierender Folge gestaltet: die Solistin interpretiert die Verkündigungen Gottes, während der Chor farbenreiche Bilder von deren Ausführung malt. Dieser simplen Struktur steht ein großer Gestaltungsreichtum an kompositorischen Details mit teils symphonischen teils liedhaft einfach strukturierten Abschnitten gegenüber, der dieses Werk zu einem großen schöpferischen Akt in sich werden lässt.
Das Stück „evening, morning, day“ bildet einen meditativen Kontrapunkt zur epischen Breite der Schöpfungskomposition Coplands. Es ist deutlich vom Minimalismus beeinflusst. David Lang sagt über sein eigenes Stück: „Ich wollte ein Stück über die Schöpfungsgeschichte machen, aber ich wollte nicht eine religiöse oder kulturelle Erzählung über eine andere erheben. Es war mir wichtig, etwas Universelles zu finden, etwas, dass in allen Geschichten präsent ist oder allen Kulturen gemeinsam ist. Ich kam auf die Idee, eine Checkliste von allem zu machen, das bis zu diesem Zeitpunkt erschaffen werden musste, ohne die Geschichten, Mythen oder exotischen Eigenarten einer jeden individuellen Kultur. So wendete ich mich zunächst an den ersten Abschnitt der Genesis, um zu schauen, was ich der Erzählung meiner eigenen Kultur entnehmen konnte und ich streifte alle Beschreibungen, Adjektive, Verbindungswörter und Motive ab. Alles, was in meinem Text von der Genesis übrig bleibt, sind die Nomen als leidenschaftslose Liste von allem, das geschaffen wurde, in der Reihenfolge der Nennung.“
Mit „Urlicht (aus des Knaben Wunderhorn)“ ist der der vierte Satz der 2. Sinfonie in c-Moll von Gustav Mahler berschrieben. Clytus Gottwald übertrug diese Musik Mahlers in einer Bearbeitung in reinen Vokalklang und gewann ihr so neue Farben ab, ohne ihre Substanz anzutasten.
Im zweiten Block „lux aeterna luceat eis“ stehen drei Werke mit Bezug zum ewigen Licht als Metapher für das Tröstliche im Gedanken an ein Leben nach dem Tod.
Den musikalischen Anknüpfungspunkt zur Mahler-Bearbeitung Gottwalds bildet das „Lux Aeterna“ von Edward Elgar in einem Arrangement von John Cameron für achtstimmigen Chor a cappella. Lux Aeterna ist eine Bearbeitung des „Nimrod“, der neunten von vierzehn orchestralen „Enigma Variations“ von Edward Elgar, die 1899 in London uraufgeführt wurden. John Cameron entschied sich, diese Chorbearbeitung auf den Text des Requiem vorzunehmen.
Im Zentrum dieses zweiten Blocks steht das „Canticum Calamitatis Maritimae“ von Jaakko Mäntyjärvi. Das Stück ist den Opfern des Unglücks der Autofähre „Estonia“ gewidmet, die am 28. September 1994 in der Ostsee sank und mehr als 900 Menschen in den Tod riss. Im finnischen Radio wurde die Havarie unter anderem in der lateinischsprachigen Sendung „Nuntii latini“ gemeldet. Jaakko Mäntyjärvi vertonte in Canticum Calamitatis Maritimae Auszüge dieser Meldung als Rezitative, die im Wechsel mit einer klagenden, folkloristischen Melodie der Sopransolistin und dem wiederholten Ruf des Chores: „Erbarme dich, Herr“ erklingen. Der Klage schließt sich eine Motette auf den Psalm 107 an, die mit musikalischen Mitteln ein in Seenot geratenes Schiff beschreibt. Das Stück beginnt und endet als Requiem mit den Worten "lux aeterna luceat eis".
Den Abschluss des Konzerts bildet Johannes Brahms „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“. Brahms wählte für seine Motette Ausschnitte aus dem Buch Hiob, den Klageliedern des Jeremias, dem Jakobusbrief und dem deutschen „Nunc Dimittis“ von Martin Luther. Es geht der Frage nach, wie dem Mensch das Leid der Welt erträglich werden kann. Die Textauswahl macht deutlich, dass Brahms nicht nur auf das Jenseits verweisen sondern den Lebenden Trost im Glauben spenden möchte. Immer wiederkehrend ist zu Begin die Frage nach dem „Warum“ - musikalisch nicht als Frage, sondern als wütender Aufschrei, dann verzweifelte Klage und zuletzt erschöpfte Resignation komponiert. Eine Antwort auf die Frage versuchen die beiden Mittelsätze mit dem in aufsteigenden Linien komponierten „Lasset uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel“, dem absteigenden „Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben“ und schließlich der Verkündigung „Der Herr ist ein Erbarmer“. Am Ende steht dann die Verheißung „mit Fried und Freud ich fahr dahin“ und der Tod hat seinen Schrecken verloren.